Spatzig

spatzig
Abb 1: Songtextausschnitt aus „Weischwinimeine“; Album „Trybguet“, 2003

spatzig
Abb 2: Songtext „Weischwinimeine“ als erzwungener Blocksatz

Spationierung eines Ausstellungsgrundrisses
Abb 3: Ausstellungsgrundriss „Weischwinimeine“

Szenografische Gedankenfragmente
Über den Helvetismus „Spatzig“

Um dem Publikum einer Ausstellung und den Ausstellungsexponaten sowie der Ausstellung als Ganzes genügend und inhaltlich kohärent Spatzig zu bieten, empfielt es sich, zuerst dem Weg durch den Ausstellungsraum eine Gestalt zu geben.

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Die Schweizer Mundart hält für „Zwischenraum“ den Ausdruck „Spatzig“ oder „Schpatzig“ bereit.
Ob traditionsreiche Appenzeller, kunstbewusste Basler, bedächtige Berner, abgeschottete Innerschweizer oder weltgewandte Zürcher: Spatzig brauchen und geben sie alle. Das Wort steht für physikalische und zeitliche Zwischenräume.

Übberdies findet das Wort Verwendung, wenn es um persönliche Freiheiten und Reserven, Ermessenspielraum, eigener Entscheidungsbereiche und Entwicklungsmöglichkeiten geht. Spatzig verweist auch auf Fluchtmöglichkeiten aus den Sachzwängen des Alltags. Treffend kommt dies im Song „Weischwinimeine?“ der Berner Mundart-Band „Patent Ochsner“ zum Ausdruck (Abb 1).

Wie Kunstwerke, die gemäss Walter Benjamin im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit ihre Aura verloren, brauchen auch die Artefakte eines technischen Museums Spatzig.

2
Spatzig erinnert an Spationierung. Der Begriff bezeichnet den typografischen Umgang mit dem Zwischenraum der Buchstaben und Wörter für eine optimierte Leserlichkeit.

Die Darstellung des Songtextes „Weischwinimeine“ als erzwungener Blocksatz (Abb 2) gehorcht sinngemäss einer übergeordneten „Szenografie“. Es entstehen ungewollte, zufällige Zwischenräume, mal zu gross, mal zu klein.

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Das graue Rechteck ist der Grundriss der Ausstellungsfläche. Die in schwarze Balken umgewandelten Worte und Buchstaben von „Weischwinimeine“ sind die ausgestellten Exponate (Abb 3). Die Zwischenräume werden dominierend, bieten Spatzig für eigene Gedanken, Bilder oder Assoziationen, welche den ursprünglichen Inhalt leicht verlassen – weisch wini meine?

Manuskript und Illustrationen: Beat Stalder

 

Publikation:
„Zwischenräume – Wandel und Übergang
Aussichten – zur Öffnung des Unverhofften“
Band VI, Seite 139; > Szenografie in Ausstellungen und Museen VI
Publikationsreihe „Szenografie“ der DASA Arbeitswelt Ausstellung, Dortmund
Herausgegeben von: Gerhard Kilger
© Klartext Verlag, Essen 2014

 


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